Drachenfliegen

Wenn Du auf der Startrampe hoch oben am Berg stehst, öffnet Dein Körper die Adrenalin-Schleusen. Was jetzt folgt ist ein kurzer, aber schneller Sprint in die Tiefe. Während Dein Drachen Dich langsam in die Luft hebt und Du mit einer leichten Kurve dynamisch Deinen Flug beginnst, fällt alles von Dir ab. Glücks- und Freiheitsgefühle durchströmen jetzt Deinen Körper und manchmal hilft nur ein Freudenschrei, um damit klar zu kommen. Den hören die Zuschauer, die die Landschaft von ihren Plätzen am Rand bestaunen, während Du in die Szenerie eintauchst.

Was ist Drachenfliegen?

Wenn Du schon immer davon geträumt hast, wie ein Vogel zu fliegen, dann ist Drachenfliegen das, was am dichtesten dran ist. Du hast die gleiche Fluglage und kannst (wenn Du möchtest) Deinen Flug ganz puristisch ohne Instrumente machen.

In Europa wurde dieser Sport am 15. April 1973 populär, als der Amerikaner Mike Harker es schaffte, mit einem Drachen von der Zugspitze ins österreichische Ehrwald zu fliegen. Bereits zwei Jahre später fand die erste, noch inoffizielle Weltmeisterschaft statt. Seitdem wurde die Geräte insbesondere was ihre Flugleistungen und ihre Sicherheit betrifft, enorm weiterentwickelt.

Wie funktioniert Drachenfliegen?

Beim Drachenfliegen hängst Du in einem Gurtzeug direkt unter der aus Segeltuch bestehenden Tragfläche. Deswegen wird Dein Fluggerät auch Hängegleiter genannt. Das tragende Profil der Fläche wird durch Metallrohre und Segellatten erzeugt. Im Gegensatz zum Gleitschirm hast Du beim Fliegen eine stabile Tragfläche, die bei Windböen und in der Thermik niemals einklappen wird. Kraft und Kondition brauchst Du beim Start, wo Du mit der etwa 30 Kilogramm schweren Ausrüstung anläufst. Einmal in der Luft, steuerst Du ohne große Anstrengung mit Gewichtsverlagerung.

Als Anfänger wirst Du vom Berg zum Landeplatz abgleiten. Lokal kannst du stundenlang und zu jeder Jahreszeit im Hangaufwind Deines Startberges fliegen. In der warmen Jahreszeit kannst Du Dein Startgebiet mithilfe von Thermik verlassen und auf Strecke gehen. 1.800 Meter Höhe sind erlaubt. Geübte Thermikflieger legen an guten Tagen mehrere hundert Kilometer zurück. Das funktioniert übrigens auch im Flachland, wo Dich eine Seilwinde hochzieht.

Kann ich Drachenfliegen mal ausprobieren?

Um ein Gefühl dafür zu bekommen und unverbindlich zu gucken, ob Drachenfliegen das richtige für Dich ist, bietet sich ein Tandemflug an. Zusammen mit einem erfahrenen Piloten kannst Du vom Berg abgleiten oder – wenn die Wetterlage passt – auch schon ein bisschen in der Thermik aufsteigen. Beim Tandemflug hängst Du in einem eigenen Gurtzeug über dem Piloten.

Alternativ kannst Du einen Schnupperkurs /-tag machen. Dabei machst Du zunächst Laufübungen im flachen Gelände. Wenn das gut klappt, beginnst Du unten am Übungshang mit einem kleinen Hüpfer und arbeitest Dich langsam immer weiter hoch. Je nach Gelände kannst Du am Ende aus 50 Metern Höhe geradeaus abgleiten. Die Flugausrüstung wird beim Schnupperkurs in der Regel von der Flugschule gestellt. Wenn Du Dich dazu entschließt, die Pilotenausbildung zu machen, kannst Du Dir entweder in der Flugschule eine Ausrüstung leihen oder Dir eine eigene kaufen.

Wer kann Drachenfliegen?

Ein Drachen ist ein Gerät, dass praktisch jeder Mensch bedienen kann. Für die Ausbildung solltest Du mindestens 14 Jahre alt sein. Eine fliegerärztliche Untersuchung ist nicht vorgeschrieben. Trotzdem solltest Du insbesondere für die Pilotenausbildung eine gewisse körperliche Fitness mitbringen. Eingezwängt in ein Gurtzeug den Drachen den Übungshang mehrmals rauf zu schleppen ist anstrengend. Oben angekommen solltest Du (nach einer Verschnaufpause) noch genug Puste haben, um beim Start ordentlich anzulaufen. Außerdem fallen die ersten Landungen, bis Du den Dreh raus hast, auch schon mal etwas härter aus.

Wenn Du später frei fliegst, wird das anstrengendste der Transport des Drachens vom Autodach zum Startplatz und das Anlaufen beim Start sein. In der Luft solltest Du mental fit und konzentriert bei der Sache sein. Bei der Landung sollte noch Konzentration übrig sein, denn sie ist – egal mit welchem Fluggerät Du unterwegs bist – der schwierigste Teil des gesamten Flugs.

Was Du auf jeden Fall brauchst, sind eine theoretische und praktische Ausbildung in einer Flugschule und ein sicheres Fluggerät. Also Dinge, an die Du dran kommst, wenn Du Lust hast, den Pilotenschein zu machen.

Wo kann man Drachenfliegen?

Natürlich da, wo Berge sind, von denen Du starten kannst. Es müssen auch nicht gleich die Alpen sein. Ein Mittelgebirgszug wie das an Niedersachsen grenzende Wiehengebirge oder auch ein verhältnismäßig niedriger Übungshang in guter Lage, eignen sich hervorragend als Ausgangspunkt für stundenlange Flüge.

Falls Du im Urlaub lieber an die See fährst, ist das auch kein Problem. Zum Beispiel in Dänemark gibt es Dünen, an denen Du fliegen kannst. Über das Meer bläst der Wind in Richtung Düne und kommt dort ohne störende Verwirbelungen (die zum Beispiel durch Häuser oder Bäume ausgelöst werden) als gleichmäßige nach oben gelenkte Strömung an.

Als Flachlandbewohner, der auch außerhalb der Ferienzeit fliegen und in Übung bleiben will, kannst Du Mitglied in einem Verein werden und Dich von einer Motorwinde am Seil in die Luft schleppen lassen. Wenn Du Thermik erwischt, darfst Du nach dem Ausklinken des Seils bis auf 1.800 Meter aufsteigen und kannst stundenlang fliegen. Alternativ kannst Du Dich von einem Motordrachen in die Luft schleppen lassen (UL-Schlepp), der Dich dann genau in der Thermik absetzt.

Wie sicher ist Drachenfliegen?

Technisches Versagen ist heutzutage so gut wie nie Grund für Flugunfälle. Während Dein Auto alle zwei Jahre zum TÜV muss, geht Dein Drachen im gleichen Rhythmus zum Check. Außerdem prüfst Du – anders als beim Auto – das Gerät und die gesamte Ausrüstung vor jedem Start. Bevor Du an der Rampe losläufst machst Du zusammen mit einem anderen Piloten, der auch noch mal eine Blick auf Dein Gurtzeug wirft, eine Liegeprobe. Dabei überprüft Ihr, ob Du sicher eingehängt bist.

Das in der Luft Deine Tragfläche zerstört wird, kann nur passieren, wenn Du mit einem anderen Drachenflieger zusammenstößt. Für diesen Fall hast Du einen Rettungsfallschirm an Deinem Gurtzeug, an dem Du und Dein (kaputter) Drachen landen.

Wenn was schief geht, dann liegt fast immer am Menschen. Eine mögliche Ursache ist, dass der Pilot sein Können überschätzt. Da kauft sich zum Beispiel ein Einsteiger ein richtig heißes Gerät. Genau wie beim Auto gibt es vom Kleinwagen bis zum Ferrari die unterschiedlichsten Modelle. Hängegleitern werden vom Deutschen Hängegleiterverband (DHV) in unterschiedliche Klassen eingeteilt. Anhand der Klassifizierung sehe ich beim Kauf sofort, ob es sich um ein Gerät für Einsteiger, einen Wettkampfdrachen oder irgendwas dazwischen handelt.

Was auch passiert ist, dass ein Pilot kurz vor dem Start merkt, dass sich die Wetterbedingungen verschlechtert haben. In dem Fall muss er wieder einpacken, auch wenn die Zuschauer drumherum vielleicht denken, dass er Angst davor hat, die Rampe runter zu laufen. Meteorologie ist in der theoretischen Ausbildung ohnehin ein Fach, in dem angehende Piloten gut aufpassen sollten, weil das Wetter entscheidend für einen sicheren Flug ist.

Drachenfliegen ist kein gefährlicher Sport und wird nach einem Urteil des deutschen Arbeitsgerichts auch nicht als Risikosport eingestuft. Wenn der Pilot diszipliniert und sorgfältig an die Sache herangeht, dann kann er auch davon ausgehen, gesund und munter wieder untern anzukommen.

Kann ich nur im Sommer Drachenfliegen?

Was nur im Sommer geht, sind Thermikflüge. Im Winter fehlt dafür einfach die warme Luft, die aufsteigt, und uns mit nach oben nimmt. Das hat aber auch einen großen Vorteil: Ohne Thermik rüttelt und schüttelt es in der Luft nicht. Das ermöglicht ruhige Flüge, die für Einsteiger ideal und für Fortgeschrittene Entspannung und Genuss sind. Lange fliegen kannst Du trotzdem, wenn Du an einem windigen Tag im Hangaufwind eines Berges hin und her fliegst. Weil die Luft im Winter so ruhig ist, bietet sich diese Jahreszeit für die Ausbildung der angehenden Piloten an.

Wie teuer ist Drachenfliegen?

Was genau die Ausbildung kostet, hängt natürlich von der Flugschule ab, für die Du Dich entscheidest. Bis Du den Pilotenschein in der Hand hältst, musst Du circa 1.200,- Euro rechnen. In der Ausbildung sind 30 Höhenflüge mit mindestens 400 Metern Höhenunterschied zwischen Start- und Landeplatz vorgeschrieben. Flugschüler, die nicht in den Bergen wohnen, buchen dafür eine über die Flugschule angebotenen einwöchige Reise, bei der zusätzliche Kosten entstehen. Wohin die Reise geht, hängt auch von der Flugschule ab. Die meisten haben feste Ziele zum Beispiel in Österreich oder Frankreich, die sie mehrmals im Jahr ansteuern.

Als frisch gebackener Pilot wirst Du Dir wahrscheinlich erstmal eine gebrauchte Ausrüstung kaufen. Im Gegensatz zu Gleitschirmen, sind die beim Drachen verwendeten Materialien langlebiger. Eine gut erhaltene Gebrauchtausrüstung bekommst Du in der Flugschule oder einem Verein ab 1.000,- Euro. Neugeräte kosten ohne Gurtzeug, Rettungsfallschirm, Helm, Handschuhe, Fluginstrumente und sonstiges Zubehör zwischen 2.600 bis 5.000 Euro. Mal so als Ausblick für später: Der Ferrari unter den Drachen ist der Starrflügler. Diese Modelle gibt es zum Preis eines Kleinwagens. Da geht es ab 15.000 Euro los.